Weihnachtsgrüße aus Kanada

Weihnachtsgrüße aus Kanada

Große Vorfreude auf das Fest bei neuen Freunden

Agnes Beckmann bereist Kanada

Seit fast neun Monaten lebe und arbeite ich in Kanada – das Working-Holiday-Visum macht es möglich. Ich bin hier nicht alleine, mein Freund konnte auch ein Visum ergattern. Die Entscheidung für Kanada war leicht getroffen: Es ist das einzige Land, das mit diesem Visum Menschen bis 35 Jahre zulässt, ich bin 34. Beruflich passte es auch wunderbar, da mein Vertrag zum Jahresende 2016 auslief. Mein Freund hatte just sein Studium beendet, seine WG löste sich auf – perfekt.

So flogen wir im März von Hamburg über New York nach Boston. Von dort ging es mit dem Bus nach Montréal. Binnen weniger Stunden erlebten wir einen Temperatursturz um fast 40 Grad (von 20 Grad Celsius auf minus 17 Grad). Zwei Monate lang genossen wir das Leben in der Kulturhauptstadt des Landes, bevor wir uns im Mai einen 21 Jahre alten Van zulegten. Er ist holzverkleidet, hat viele Schränke, eine kleine Küche mit Gasherd und ein gemütliches Bett. Optisch ein Traum! Dass das Auto allerdings seine Tücken hat, haben wir in dem Moment gemerkt, als die Stoßstange während der Fahrt abfiel und den Vorderreifen aufschlitzte, die Polizei kam und wir abgeschleppt werden mussten.

Aber dafür hat das Auto immer wieder das Interesse auf sich und uns gezogen. Einige Kanadier haben uns einen Stellplatz für die Nacht angeboten, andere haben uns mit Lebensmitteln versorgt. Wir erhielten Fotos und Souvenirs, lauschten einem privaten Gesangskonzert von zwei Mädchen und verbrachten sogar manche Nächte in Gästezimmern von neuen Freunden. Es flossen sogar Abschiedstränen. Der Ruf von der kanadischen Gastfreundlichkeit kommt nicht von ungefähr.

Den Sommer, ganze drei Monate, verbrachten wir in den Maritimes – New Brunswick, Prince Edward Island und Nova Scotia -, obwohl wir die Provinzen nie wirklich als Reiseziel angedacht hatten. Aber genau das Unerwartete ist das Herrliche. Im August in Toronto waren die Geldquellen erschöpft, sodass ich bei Tim Hortons und mein Freund in einer von Deutschland inspirierten Döner-Bude arbeitete.

Zwischendurch kam immer mal wieder Heimweh nach meiner Heimatstadt Hannover auf – wie gut, dass es Skype, Whatsapp und Facebook gibt. Zudem hatten wir in Toronto Besuch von meiner Mutter, Tante und Cousine, auch die Mutter meines Freundes traf uns dort. Es waren zwei herrliche, lustige Wochen mit viel Sightseeing, Lachen und einigen kühlen Getränken – wir hatten noch Ende September 30 Grad Celsius.

Im Anschluss sind wir durch Kanadas Prärie gefahren, bis wir im Oktober in den Rockies ankamen. Gegen den Schnee wappnen, wandern, heißen Tee trinken – so liefen die folgenden Wochen ab. Herrliche Wochen, doch den Winter wollten wir im Warmen verbringen – an der Westküste, genauer gesagt in Victoria auf Vancouver Island. Durch eine großartige Zufallsbegegnung erfuhren wir, dass es einen deutsch-kanadischen Club in der Stadt gibt, den wir aufsuchten. Wir wollten erfragen, ob uns jemand möglicherweise seine Auffahrt zum Übernachten zur Verfügung stellen könnte. Schon am nächsten Tag wurden wir zu einem Ehepaar eingeladen, das uns sein Gästeappartement anbot. Seitdem leben und arbeiten wir hier und verbringen viel Zeit mit den beiden. Gestern haben uns die beiden eine Riesenfreude beschert: Sie fahren über Weihnachten nach Vancouver zu ihren Töchtern, und wir sind auch eingeladen.

So wird unser Weihnachten zum ersten Mal untypisch ablaufen:

Am 24. Dezember werden mein Freund und ich mit unserer Familie in Deutschland skypen und am Abend einen Gottesdienst besuchen. Zum ersten Mal in unserem Leben werden wir mit dem Auspacken der Geschenke bis zum Morgen des 25. Dezember warten. Nachmittags geht es noch einmal mit allen in die Kirche, dann wird es ein großes Familienessen geben. Ansonsten sind diverse Aktivitäten in Vancouver geplant: Wir fahren mit dem Bright Nights Christmas Train, sehen uns ein Theaterstück an und werden sicherlich viele Geschichten hören und gemeinsam lachen.

Natürlich werde ich meine Familie und unsere Aktivitäten ziemlich doll vermissen. Das Schmücken des Weihnachtsbaums, das Lesen von Gedichten oder Geschichten, das Zusammenfalten des Geschenkpapiers nach der Bescherung, die Sour-Creme-&-Onion-Pringles, die meine Mutter jedes Jahr besorgt, die gute Lindt-Schokolade, die verspeist wird, und das Hühnerfrikassee mit Pastete. Wie gerne würde ich zudem Bratäpfel und Weihnachtskekse mit meinen Lieben zu Hause backen und nach dem dritten Blech nur noch kleine Haufen formen, weil wir uns mit der Menge des Mürbeteigs verschätzt haben. Auch meine Freunde, die ich mindestens alle drei Tage „gezwungen“ habe, mit mir über den Weihnachtsmarkt zu gehen, fehlen mir. Ich vermisse den Glühwein im Tannenwald an der Marktkirche. Überhaupt den Glühwein, weil Alkohol an öffentlichen Orten in Kanada nicht gestattet ist. Auch sehne ich mich nach dem Besuch des Lebendigen Adventskalenders in der Oper und des dortigen Weihnachts-Poetry-Slams! Nichtsdestotrotz – die Vorfreude auf dieses besondere Weihnachten ist groß! Ich wünsche meiner Familie und allen Lesern ein ganz wunderbares Weihnachtsfest. Herzliche Grüße aus Victoria nach Hannover und Merry Christmas!

Agnes Beckmann

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